Beitrag eines islamischen Krankenhausseelsorgers

 

Beitrag von Herrn Kazan, Stuttgart, Geschäftsführer der Lessingschulen, Islamischer Krankenhausseelsorger im Robert Bosch Krankenhaus.
 
Die Menschheit muss sich immer wieder neuen Krisen und Herausforderungen stellen. Nicht nur die globale Erwärmung und die Probleme, die unser Ökosystem betreffen, sondern z.B. auch der Corona-Virus und die Pandemie haben der ganzen Menschheit Erschwernis gebracht. Neben diesen globalen Problemen gibt es lokale Kriege, Flucht und Hungersnot wie man es etwa in Syrien, der Ukraine und im Jemen sehen kann.
So wie das Menschsein genügt, nicht wegzuschauen, so motiviert auch der Islam die Menschen zur Wohltätigkeit. Die islamische Tradition sieht die Menschheit als eine Menschheitsfamilie und den Menschen als Statthalter Gottes auf Erden. So heißt es in Sure 35 Vers 39: „Er ist es, Der euch zu Statthaltern auf Erden gemacht hat.“ Somit ist nicht nur jeder Mensch zur Hingabe an Gott berufen, was sich auch von dem Begriff Islam ableiten lassen kann, sondern auch als Verantwortlicher auf der Erde zu verstehen. Deswegen ist der Mensch dazu verpflichtet, den Frieden, der im Begriff Islam auch impliziert ist, zu wahren.
Deswegen schreibt sowohl der Koran als auch der Prophet Muhammad der Wohltätigkeit eine große Wichtigkeit zu. Während hierzu zahlreiche Koranverse aufgezählt werden können, können wir einen besonderen Vers hier exemplarisch vorzeigen. Der 90. Vers der 16. Sure sagt wie folgt: „Wahrlich, Allah gebietet, gerecht (zu handeln), uneigennützig Gutes zu tun und freigebig gegenüber den Verwandten zu sein; und Er verbietet, was schändlich und abscheulich und gewalttätig ist. Er ermahnt euch; vielleicht werdet ihr die Ermahnung annehmen.“ Dieser Vers ist so wichtig, dass er nach jeder Freitagspredigt zitiert und rezitiert wird und somit die muslimische Gemeinde an die Bedeutung der Wohltätigkeit erinnert.
Auch der Prophet Muhammad erinnerte seine Gemeinde und somit auch die muslimische Gesamtheit bei jeder Gelegenheit dazu, Gutes zu tun und praktizierte dies auch höchstpersönlich, um seiner Gemeinde als Vorbild zu dienen. Eine der wichtigsten Aussagen in dieser Hinsicht ist Folgende: „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ Hier ist auch zu erkennen, dass kein Unterschied zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gemacht wird. Jeder Mensch ist als Geschöpf Gottes würdig, Hilfe zu bekommen.
Aus den oben erwähnten Quellen lässt sich ohne Schwierigkeit die Relevanz der Wohltätigkeit im Islam erkennen. Dies wird auch in der Praxis der Muslime sichtbar. Es gibt zahlreiche muslimische Wohltätigkeitsorganisationen wie die Islamic Relief e.V., Muslime helfen e.V., Time to help e.V., um nur einige zu nennen, die international verschiedene Projekte wie Spendensammlungen, Wasserbrunnenöffnungen, Nahrungsmittelprojekte etc. leiten. Die muslimische Gemeinde ist durch Gebote wie die Zakat (Sozialpflichtabgabe), Sadaqa (Allmosen), Spenden dazu motiviert, sich um bedürftige Menschen zu kümmern. Neben den oben genannten physischen Hilfsleistungen spielen psychische bzw. seelische Hilfsleistungen wie Altenhilfe, Jugendarbeit, Bildung und Seelsorge auch eine wichtige Rolle, die u. a. die oben genannten Hilfsorganisationen umsetzen.
Als Fazit kann gesagt werden, dass auch der Islam die Menschen dazu verpflichtet, Wohltätigkeit zu betreiben. Deswegen ist es m. E. wichtig, den Bedarf der Wohltätigkeit zu erkennen und sich zusammenzutun, um gemeinsam etwas Gutes tun zu können.